Österreich zieht sich aus dem Billigst-Segment zurück

Durch die ernteschwachen Jahrgänge 2009 und 2010 erwartete die Österreich Wein Marketing (ÖWM) für 2011 einen deutlichen Rückgang der Exporterlöse. Erfreulicherweise ist dieses Szenario insgesamt nicht eingetreten. Die teilweise massiven Marktanteilsverluste am wichtigsten Exportmarkt Deutschland betreffen vorwiegend das Billigstpreissegment, das mit österreichischem Wein aus Kostengründen nicht mehr nachhaltig bedient werden kann.

Copyright ÖWM
© ÖWM

Große Schwankungen bei der Weinerntemenge führen in der Regel auch zu Marktanteilsveränderungen. Mit einem Ernteminus von 20 Mio. Liter 2009 (-8%) und 80 Mio. Liter 2010 (-32%) gegenüber dem langjährigen Durchschnitt musste die österreichische Weinwirtschaft Marktanteilsverluste sowohl auf dem Inlandsmarkt, als auch beim Export nach Deutschland hinnehmen. Damit hat die ÖWM gerechnet: „Die Weinernte 2010 (...) wird die Weinexporte im nächsten Jahr jedoch etwas dämpfen“ betonten ÖWM Geschäftsführer Willi Klinger und der österreichische Weinbaupräsident Josef Pleil in der Presseaussendung vom 29. Dezember 2010. Die ÖWM befürchtete für 2011 sogar einen Rückgang der Exporterlöse auf bis zu 110 Mio. Euro. Dieses Szenario ist insgesamt jedoch nicht eingetreten. Mit 126 Mio. Euro Exportumsatz konnte sogar ein neuer Rekordwert erreicht werden. Dennoch verdient dieses an sich erfreuliche Ergebnis eine differenzierte Betrachtung.

Zwei deutsche Kommentatoren beschreiben die Entwicklung des österreichischen Weins auf dem deutschen Markt äußerst kritisch und sprechen polemisch davon, dass der deutsche Markt für den österreichischen Wein „regelrecht zusammengebrochen war“, dass die ÖWM diese Entwicklung nicht wahrhaben wolle („Die Hütte brennt“) und sogar, dass die ÖWM bewusst mit falschen Zahlen operiere, um das Ergebnis zu schönen („Das Ende der österreichischen Märchenstunde“, „Wen veralbert die ÖWM?“). Es ist nicht die Aufgabe der ÖWM, über die Motive derartiger Anwürfe zu spekulieren, aber eine Institution, die international gerade wegen ihrer Effizienz, Sachlichkeit und ihres Engagements für den österreichischen Qualitätswein geschätzt wird, darf solche Vorwürfe nicht unkommentiert lassen.

Unterschiedliche Erhebungsmethoden bei Reexporten und Zuschätzungen

Hier die Fakten: Aufgrund der auch in Deutschland sehr schwachen Erntemenge 2010 stieg der Weinimport in Deutschland von 15 Mio. HL (2010) auf 16,7 Mio. HL (2011) an (Quelle: DESTATIS, Statistisches Bundesamt Wiesbaden). Der deutsche Wein musste also auf dem Heimmarkt Marktanteile abgeben, ähnlich wie der österreichische Wein in Österreich (Lebensmitteleinzelhandel: Menge -7,9%, Wert: -1,5% Wert). Während Österreich in vielen wichtigen Auslandsmärkten wie Schweiz, USA, Niederlande, Schweden etc. dennoch kräftig zulegen konnte, gab es bei den Exporten nach Deutschland einen vor allem bei der Exportmenge massiven Rückgang.

Bei der Einschätzung des Ausmaßes der Verluste differieren die Zahlen der Statistik Austria und der DESTATIS erheblich: DESTATIS beziffert die österreichische Weinexportmenge nach Deutschland 2011 mit 24,6 Mio. L (Wert 49,7 Mio. Euro), Statistik Austria meldet 32,8 Mio. L (Wert 72,9 Mio. Euro). Ein Teil der Differenz erklärt sich daraus, dass die Statistik Austria wie fast alle anderen EU-Länder die Gesamtexporte aus Österreich erhebt und in den Zahlen auch Reexporte nicht österreichischer Weine enthalten sind. Wenn also beispielsweise eine österreichische Kellerei spanischen Wein im Tankzug importiert und in Flaschen gefüllt an den Mutterkonzern nach Deutschland liefert, ist das in der österreichischen Statistik als Export enthalten, und das seit eh und je. DESTATIS erhebt zusätzlich auch die Herkunft der Weine und kann somit die Reexporte getrennt ermitteln. Differenzen von vier bis acht Millionen Liter zwischen DESTATIS und ÖSTAT sind daher keinesfalls überraschend. Sicher ist somit, dass ein gewisser Prozentsatz von Reexporten in der Exportbilanz Österreichs nach Deutschland, aber auch in andere Länder enthalten ist. Dass dieser 2011 aufgrund der Weinknappheit höher war, ist durchaus wahrscheinlich.

Einen gewissen Unsicherheitsfaktor stellen auch die unumgänglichen Zuschätzungen von Statistik Austria und DESTATIS dar, denn meldepflichtig sind Exporte nur dann, wenn eine Firma im Jahr mindestens 500.000 Euro im jeweiligen Drittland oder innergemeinschaftlich verkauft. Der Rest muss aufgrund von anderen Daten zugeschätzt werden (die Zuschätzung erfolgt in Österreich u.a. aufgrund der Umsatzsteuervoranmeldung). Dieser Bereich umfasst die Vielzahl der erfolgreichen Klein- und Mittelbetriebe, die auch auf dem deutschen Markt seit Jahren und nach wie vor höchst erfolgreich agieren.

Österreich verliert im deutschen Preiseinstiegssegment

Die Marktanteilsverluste Österreichs auf dem deutschen Markt sind angesichts der geringen Lagerbestände und der hohen Trauben- und Fassweinpreise zwangsläufig eingetreten. So sank der österreichische Weinlagerbestand 2011 auf 220 Mio. L, den geringsten Wert seit 1998. Damit war das Weinland Österreich nicht mehr in allen Preisklassen lieferfähig.

Die Rückgänge beim Export nach Deutschland betreffen in erster Linie das Preiseinstiegssegment im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und Discount mit Verkaufspreisen unter drei Euro, besonders jedoch unter zwei Euro. Österreichs größte Kellerei Lenz Moser hat zum Beispiel sein Volumensprodukt (ca. eine Mio. Flaschen) „Heuriger Grüner Veltliner“ in der Literflasche ganz aus dem Programm genommen, weil für ein Literprodukt mit einem Verkaufspreis zwischen 1,99 Euro (Metro) und 2,99 Euro (LEH) in Österreich kein vernünftig kalkulierbarer Wein verfügbar war. Besonders dramatisch gingen die Fassweinexporte nach Deutschland zurück. In Deutschland gefüllte österreichische Weine, die in der Vergangenheit bereits um 0,99 Euro oder 1,49 Euro angeboten wurden, tauchten 2011 kaum in den Regalen auf. Wer sich um das Image und den nachhaltigen Absatz österreichischer Qualitätsweine in Deutschland wirklich Sorgen macht, wird das Verschwinden solcher Produkte nicht als alarmierend betrachten („Die Hütte brennt“).

Strategisch langfristige Anhebung der Durchschnittspreise auf über 2 Euro/L

Die ÖWM wird die gute Ernte 2011 zum Anlass zu nehmen, die Exportentwicklung 2012 sehr genau zu beobachten und nach Vorliegen der Halbjahreszahlen sowohl von Statistik Austria als auch DESTATIS eine Einschätzung der Marktsituation vornehmen. Die von ÖWM Geschäftsführer Willi Klinger mehrfach angekündigte strategische Entwicklung der österreichischen Weinwirtschaft wird in diesem Jahr einen entscheidenden Sprung machen. Deutschland bleibt Österreichs Exportmarkt N°1, aber das Preiseinstiegssegment wird nachhaltig an Bedeutung verlieren, und die Fassweinexporte werden auf Dauer schrumpfen (mit einzelnen Spitzen nach großen Ernten). Ziel ist es, in Deutschland den Durchschnittspreis der österreichischen Exporte nachhaltig über zwei Euro zu halten.

Langfristig wird es österreichischen Qualitätswein international zu vernünftigen, aber nicht zu Dumpingpreisen geben. Willi Klinger: „Nur so ist es auch in Zukunft möglich, unsere familienbetriebliche, handwerkliche und qualitätsorientierte Weinwirtschaft zu erhalten. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieser Weg richtig und ohne Alternative ist.“

Presseinformation

Österreich Wein Marketing GmbH

Mag. Wilhelm Klinger

[t] +43(1)5039267-0 [f]: +43(1)5039267-70
Prinz-Eugen-Straße 34 / 1040 WIEN / ÖSTERREICH
Österreich Wein auf facebook, twitter und youtube
FN 78 209p / Handelsgericht Wien

NEWSLETTER

Verpassen Sie keine Neuigkeiten aus der Welt des österreichischen Weins!

Erfahren Sie Neuigkeiten vor allen anderen und sicher Sie sich die aktuellsten Themen aus der Welt des österreichischen Weins. • Hintergrundinformationen • Eventeinladungen • Gesetzesänderungen Noch nicht überzeugt? Sehen Sie sich hier unseren aktuellen Newsletter an.