Weinjahr 2008 – kein Fall für schwache Nerven

Aufgrund der schwierigen Witterungsbedingungen des Jahres 2008, in dem es in nahezu allen Gebieten durch Wetterkapriolen von Hagel über Starkregen bis zu hartnäckigem Nebel allerhand Hindernisse für das Ausreifen der Reben gab, waren die österreichischen Winzer von Anfang an voll gefordert. Vor allem im Weingarten mussten sie nach der unüblich früh auftretenden Peronospora (Falscher Mehltau) im Frühjahr bis zur selektiven Wahl des – vielerorts extrem späten – Lesezeitpunktes ihre ganze Erfahrung und ihr Know-how in die Waagschale werfen, um reintöniges, reifes Traubengut ernten zu können.

Dies führte dazu, dass trotz der relativ großen Erntemenge, die endlich das Auffüllen der ohnehin ziemlich leeren Lager erlaubte, allgemein eine gewisse Skepsis gegenüber den Ergebnissen des so arbeitsaufwendigen 2008ers entstand. Nach den ersten Verkostungen der Jungweine haben sich aber die Mienen der Winzer rasch aufgehellt, sind doch bei entsprechend qualitätsorientiertem Arbeitseinsatz erneut sehr fruchtbetonte und schwungvolle Weine gelungen, die zum Teil auch eine große Bandbreite von Reifestufen abdecken. Mit derart erfreulichen Resultaten hätten nach dem vergangenen Herbst wohl auch die größten Optimisten nicht gerechnet.

Komplizierter Wetterverlauf

Über diesen ist schon so viel berichtet worden, dass hier nur einige Grundzüge in Erinnerung gerufen werden sollen: Positiv verliefen der eher frühe Austrieb und die unkomplizierte Blüteperiode im Juni, während ungewöhnlich frühe Hagelunwetter für die ersten Rückschläge sorgten. Die Feuchtigkeit blieb mehr oder weniger über die ganze Vegetationsperiode erhalten, was zu einem entsprechenden Krankheitsdruck, speziell für den „Falschen Mehltau“, führte sodass nicht nur biologisch wirtschaftende Weinbaubetriebe mancherorts mit erheblichen Ertragseinbußen konfrontiert wurden. Auch schritt die Zuckerreife in den Trauben aufgrund des zeitweise recht feuchten, kühlen Wetters im September und Oktober nur langsam voran, wenn auch einige sehr schöne Tage in der zweiten Oktober- und der ersten Novemberhälfte wenigstens für angenehme Erntebedingungen sorgten.

Große Bandbreite und rassige Struktur

Für die trockenen Weißweine lässt sich schon feststellen, dass nach dem erwähnten Arbeitsaufwand reintönige Weine mit sortentypischer Frucht und angenehm rassiger Säure möglich waren. Die hohen Alkoholausbeuten von Jahren wie 2006 und 2007 sind zwar diesmal selten, aber der Extraktgehalt und die innere Balance der Weine scheint durchaus zufriedenstellend zu sein. Die Säure bewegt sich in einem adäquaten Rahmen, sodass sie kaum einmal als aggressiv empfunden wird. Alle Weißweinsorten weisen im frühen Verkostungsstadium ihre sortentypische Merkmale auf und entwickeln sich auch kontinuierlich, was in anderen späten Weinjahren – erinnern wir uns beispielsweise an 2004 oder 1998 – nicht unbedingt der Fall gewesen ist. Aufgrund der späten Lese und langen Vegetationsdauer sind auch sehr pointierte Sommerweine zu erwarten, die bei schlanker Textur über viel Temperament und Fruchtspiel verfügen werden, wie es eben für solche Jahrgänge charakteristisch ist. Sehr pikant und expressiv präsentieren sich beispielsweise die nach wie vor stark im Trend liegenden Muskateller und die knusprigen Welschrieslinge, denen die kecke Säure auch die richtige Lebendigkeit vermittelt. Selbst die neuerdings wieder sehr populären Rosés haben ihre Meriten und garantieren eine charmante Begleitung für hoffentlich warme Frühlingstage und laue Sommerabende.

Vielfältige Veltliner, fruchtige Rieslinge, interessante Burgunder

Die österreichische Haus- und Hofsorte Grüner Veltliner kann auch diesmal wieder mit einer erstaunlichen Bandbreite an Qualitäten und Ausbaustufen aufwarten: Einerseits sind leichtfüßige und filigrane Veltlinertypen, wie sie von der Wachauer Steinfeder bis zum Weinviertel DAC die Weinszene prägen, in diesem Jahrgang naturgemäß sehr häufig anzutreffen, wobei die pfeffrige Würze manchmal von schotigen Untertönen begleitet wird. Dabei sorgt eine schöne Apfel- oder Birnenfrucht im Hintergrund für den nötigen aromatischen Ausdruck. Andererseits haben die Spezialisten unter den Veltliner - Erzeugern im Weinviertel und an der Donau aber auch alle ihre Premiumweine – teilweise allerdings in kleinerer Menge – hervorgebracht. Mächtige trockene Spätlesen mit bis zu 14 Volumprozent Alkohol sind somit nur fallweise anzutreffen, wobei dieses Jahr auch aus Weinlagen, die ansonsten für tiefe Säurewerte bekannt sind, pointierte und nervige Weine entstanden sind. Für die Liebhaber des Grünen Veltliners stehen also zahlreiche Varianten zur Verfügung, die selbst hohe Ansprüche befriedigen werden.

Noch etwas schwieriger ist die Situation für die sehr spät gelesenen und traditionell langsamer heranreifenden Rieslinge zu beurteilen. Doch auch sie lassen schon die begehrte Steinobstfrucht hervorblitzen, wobei eine rassige Säurestruktur sowie da und dort ein Schuss von Botrytis für diese Rebsorte kein Problem darstellt.

Überraschend gut gelungen sind auch die Weine der Burgundergruppe. Dies trifft speziell für das nördliche Burgenland zu, wo die erforderliche Reife selten Schwierigkeiten bereitet und in diesem Jahr eine ansprechende Säurestruktur auch für die nötige Festigkeit sorgt.

Begünstigter Süden

Nachdem die Steiermark schon 2007 einen ausgezeichneten Jahrgang eingefahren hat, der dort vielfach über 2006 zu stellen ist, lassen auch die Weißweine aus 2008 Überdurchschnittliches erwarten. Besonders deshalb, weil die Weinbaufluren des Südens von den herbstlichen Niederschlägen größtenteils verschont geblieben sind. So konnte der Lesezeitpunkt relativ sorgenfrei gewählt werden. Kraftvolle Morillons, nussige Weißburgunder, glockenklare Muskateller, druckvolle Traminer und geradezu idealtypische Sauvignons, die genau den richtigen Mix aus pikanter Würze und tiefer, gelber Frucht aufweisen, sind die erfreulichen Resultate. So gesehen ist also zu erwarten, dass die steirischen Weinbaugebiete die stukturiertesten Weißweine des Jahres präsentieren könnten.

Die roten 2008er: schlank, doch zartfruchtig

Die mehrfach erwähnten Wetterkapriolen prägten natürlich auch den Charakter der roten Gewächse. Hier sind fruchtbetonte, aber eher zartgliedrige Rotweine abzusehen, die bei einer gewissen Nervigkeit aber durchaus etwas mehr Körperreichtum und Extraktgehalt als die 2005er aufweisen dürften. Ob es Spitzenexemplare geben wird, die an die Kraft von 2006 oder die Eleganz von 2007 heranreichen, kann noch nicht eingeschätzt werden. Insgesamt ist also eher mit rotbeerigen, schlank gehaltenen Rotweintypen zu rechnen, wobei die früh reifenden Rebsorten vielerorts begünstigt sein dürften. Auch die Sortencharakteristika von Zweigelt, Blaufränkisch, St. Laurent und Pinot Noir sind in einer zartblumigen, schlanken Ausformung gut zu erahnen.

Eisiges Finale

Das Potenzial der 2008er Dessertweine ist gegenwärtig noch schwer abzuschätzen; im Übrigen dürfte die Erntemenge auch eher gering ausgefallen sein, wobei schlussendlich mehr Beerenauslesen als Ausbrüche oder Trockenbeerenauslesen geerntet wurden.

Knapp vor Jahresende, ab der Nacht des 28. Dezember, konnte schließlich eine überaus späte Kälteperiode endlich wieder für die Gewinnung von Eisweinen auf „breiter Front“ genützt werden - gleichsam ein frostiger und doch versöhnlicher Abschiedsgruß des so herausfordernden Weinjahres.